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Interview - Dresden, 22.Januar 2000

"Deutschland hat mich adoptiert"

Jimmy Somerville über die Loyalität seiner Fans, deutsche Kultur und Politik in den Medien mit freundlicher Genehmigung der "Sächsischen Zeitung"

Anfang und Mitte der 80er Jahre machte er als Frontmann von Bronski Beat und den Communards Furore, seit 1988 arbeitet er an seiner Solo-Karriere: Jimmy Somerville, der auf dem im vergangenen Sommer veröffentlichten Album "Manage The Damage" wieder seine Falsettstimme jubeln lässt, kommt morgen erstmals nach Sachsen. Vor dem Konzert im Dresdner "Alten Schlachthof" gab er der SZ ein Interview.

Ihr Konzert musste schon kurz nach dem Vorverkaufsstart in einen größeren Saal verlegt werden, und der ist auch schon wieder seit Tagen ausverkauft. Hat es Sie überrascht, dass Sie hierzulande derartig gefragt sind?

Komischerweise brauche ich wirklich nicht im gleichen Maße wie andere neue Hits, damit meine Shows gut besucht sind. Meine Fans sind überaus loyal - dieses Wort trifft es wahrscheinlich am besten - sie sind mir und meiner Stimme gegenüber loyal. Und daran habe ich mich inzwischen gewöhnt, empfinde es aber immer noch sehr schmeichelhaft.


In Sachsen hatte man allerdings bisher kaum Gelegenheit, Loyalität zu entwickeln. Hier sind Sie schließlich nie zuvor gewesen.

Das ist nur teilweise richtig, denn zumindest meine Musik war und ist sogar hier präsent. Das habe ich durch Briefe, e-mails und persönliche Begegnungen oft mitgekriegt.


Sind Sie im Gegenzug ebenso gut über Dresden informiert?

Gut wäre sicherlich übertrieben. Von Allgemeinplätzen wie denen von barocker Architektur, Kultur und ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg abgesehen, weiß ich nicht viel. Ich bin vor allem auf die Leute gespannt, weil ich es faszinierend finde, in einem Land auf so unterschiedliche Menschen treffen zu können. Denn das die Ostdeutschen anders sind als die Westdeutschen, ist mir klar. Sie haben andere Biografien, andere Identitäten - und doch sind wir alle, dazu zähle ich auch mich, letztlich gleich: wir sind Europäer.


Sie fühlen sich als Europäer, nicht als Schotte?

Ich bin Europäer und sonst eher Londoner, weil ich da seit 20 Jahren lebe. Meine Mutter darf das allerdings nicht lesen. Für sie wäre das Verrat an der schottischen Nation und somit ein Schwerverbrechen.


Deutschland scheint Ihnen aber näher zu liegen als andere europäische Länder. Sie sind hier, genauer in Westdeutschland, häufig unterwegs und das Video zu Ihrer aktuellen Single "Something To Live For" wurde in Hamburg gedreht.

Zu Deutschland habe ich seit dem ersten Konzert mit Bronski Beat eine besondere Beziehung, ich fühle mich inzwischen regelrecht adoptiert. Mir liegt die deutsche Mentalität, der lockere Umgang mit Reizthemen und die deutsche Kultur.


Setzt in der Pop-Musik nicht eher die britische Szene Trends?

Nicht mehr als andere. Gerade die deutsche Kultur hat nach der Wiedervereinigung einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. In den vergangenen fünf, sechs Jahren entwickelte sich plötzlich ein ganz neues Vertrauen in deutsche Mode, deutsche Musik, deutsche Kultur. Die Deutschen haben überhaupt wieder mehr Selbstvertrauen, und ich als Außenstehender denke, dass es gegenwärtig bestimmt aufregend ist, Deutscher zu sein.


Vielen Deutschen geht es da anders, die fürchten, als arrogant und nationalistisch zu gelten.

Das widerlegt aber nicht die positive Entwicklung, die ich sehe. Fremdenfeindlichkeit habe ich in Rostock selber erlebt, aber diese eine fürchterliche Begegnung mit Neonazis, die es im übrigen bei uns genauso gibt, lässt mich doch kein Urteil über 80 Millionen Deutsche fällen. Dafür habe ich in diesem Land zu viel Gutes erlebt.


Sie waren einer der ersten Pop-Musiker, der Aids thematisierte. Ihre aktuelle Single "Something To Live For" steht wieder in dieser Tradition. Wie hat sich in den vergangenen Jahren der öffentliche Umgang mit der Krankheit verändert?

Für mich ist Aids Teil meines Lebens - die Furcht vor einer Infektion, sehen zu müssen, wie Freunde an dieser Krankheit sterben, aber auch die Hoffnung, die man sich einfach erhalten muss. Also war und ist Aids auch Teil meiner Arbeit, die sich in dieser Hinsicht genau wie die öffentliche Meinung verändert hat: Die anfängliche Angst weicht der leisen Hoffnung. Das ist für mich die grundsätzliche Entwicklung, dieser Trend macht mich froh und dafür steht auch ein Song wie "Something To Live For". Andererseits sind die Infektionsraten in vielen afrikanischen Ländern derartig hoch, dass nicht nur meine Zuversicht immer wieder arg gedämpft wird. Hoffnung bleibt aber dennoch.


Etliche Ihrer Songs transportieren - trotz der fröhlichen Party-Musik - ernste, oft politische Themen. Ist dieser Widerspruch zwischen Inhalt und Verpackung programmatisch?

Ja, bei den meisten Songs ist genau das Absicht. Weil ich eher selten über vergleichsweise belanglose Dinge singe, will ich doch nicht auf Spaß verzichten. Melancholische Musik würde ich dann machen, wenn ich bestimmte Probleme für unlösbar hielte, ihnen aber trotzdem einen Song widmen will.


Glauben Sie etwa, mit Ihrer Musik Probleme lösen zu können?

In bestimmten Bereichen klappt das zumindest indirekt, wenn die Medien durch einen provozierenden Song auf ein Thema angesetzt werden und es ins öffentliche Bewusstsein bringen. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, muss ich meinen Optimismus bremsen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Medien wirkliche Probleme aufgreifen, sinkt stetig.


Woran liegt das?

Die Ernsthaftigkeit bleibt auf der Strecke, wird vom Schwachsinn überrollt: Auf Seite eins meiner Zeitung steht in Riesen-Lettern, dass ein Super-Model unglücklich über ihre Tittengröße ist, klein gedruckt wird dagegen, dass der potenzielle neue russische Präsident den Einsatz von Atomwaffen prinzipiell für legitim hält. Da weiß ich nicht, wovor ich mehr Angst haben soll: Vor dem russischen Präsidenten oder den Medien.


Wo bleibt da Ihre so oft erwähnte Hoffnung?

Die lasse ich mir nicht nehmen. Wenn ich vor etwas Angst habe, hoffe ich erst recht, dass es einen Ausweg gibt. Sonst könnte ich mir doch gleich einen Strick nehmen.