Anfang und Mitte der 80er
Jahre machte er als Frontmann von Bronski Beat und den Communards Furore, seit 1988
arbeitet er an seiner Solo-Karriere: Jimmy Somerville, der auf dem im vergangenen Sommer
veröffentlichten Album "Manage The Damage" wieder seine Falsettstimme jubeln
lässt, kommt morgen erstmals nach Sachsen. Vor dem Konzert im Dresdner "Alten
Schlachthof" gab er der SZ ein Interview.
Ihr Konzert musste schon kurz nach dem Vorverkaufsstart in einen größeren Saal verlegt
werden, und der ist auch schon wieder seit Tagen ausverkauft. Hat es Sie überrascht, dass
Sie hierzulande derartig gefragt sind? |
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Komischerweise
brauche ich wirklich nicht im gleichen Maße wie andere neue Hits, damit meine Shows gut
besucht sind. Meine Fans sind überaus loyal - dieses Wort trifft es wahrscheinlich am
besten - sie sind mir und meiner Stimme gegenüber loyal. Und daran habe ich mich
inzwischen gewöhnt, empfinde es aber immer noch sehr schmeichelhaft. |
In Sachsen hatte man allerdings bisher kaum Gelegenheit, Loyalität zu entwickeln. Hier
sind Sie schließlich nie zuvor gewesen.
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Das ist nur
teilweise richtig, denn zumindest meine Musik war und ist sogar hier präsent. Das habe
ich durch Briefe, e-mails und persönliche Begegnungen oft mitgekriegt. |
Sind Sie im Gegenzug ebenso gut über Dresden informiert? |
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Gut wäre sicherlich
übertrieben. Von Allgemeinplätzen wie denen von barocker Architektur, Kultur und ihrer
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg abgesehen, weiß ich nicht viel. Ich bin vor allem auf
die Leute gespannt, weil ich es faszinierend finde, in einem Land auf so unterschiedliche
Menschen treffen zu können. Denn das die Ostdeutschen anders sind als die Westdeutschen,
ist mir klar. Sie haben andere Biografien, andere Identitäten - und doch sind wir alle,
dazu zähle ich auch mich, letztlich gleich: wir sind Europäer. |
Sie fühlen sich als Europäer, nicht als Schotte? |
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Ich bin Europäer
und sonst eher Londoner, weil ich da seit 20 Jahren lebe. Meine Mutter darf das allerdings
nicht lesen. Für sie wäre das Verrat an der schottischen Nation und somit ein
Schwerverbrechen. |
Deutschland scheint Ihnen aber näher zu liegen als andere europäische Länder. Sie sind
hier, genauer in Westdeutschland, häufig unterwegs und das Video zu Ihrer aktuellen
Single "Something To Live For" wurde in Hamburg gedreht.
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Zu Deutschland habe
ich seit dem ersten Konzert mit Bronski Beat eine besondere Beziehung, ich fühle mich
inzwischen regelrecht adoptiert. Mir liegt die deutsche
Mentalität, der lockere Umgang mit Reizthemen und die deutsche Kultur. |
Setzt in der Pop-Musik nicht eher die britische Szene Trends? |
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Nicht mehr als
andere. Gerade die deutsche Kultur hat nach der Wiedervereinigung einen gewaltigen Sprung
nach vorn gemacht. In den vergangenen fünf, sechs Jahren entwickelte sich plötzlich ein
ganz neues Vertrauen in deutsche Mode, deutsche Musik, deutsche Kultur. Die Deutschen
haben überhaupt wieder mehr Selbstvertrauen, und ich als Außenstehender denke, dass es
gegenwärtig bestimmt aufregend ist, Deutscher zu sein. |
Vielen Deutschen geht es da anders, die fürchten, als arrogant und nationalistisch zu
gelten.
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Das widerlegt aber
nicht die positive Entwicklung, die ich sehe. Fremdenfeindlichkeit habe ich in Rostock
selber erlebt, aber diese eine fürchterliche Begegnung mit Neonazis, die es im übrigen
bei uns genauso gibt, lässt mich doch kein Urteil über 80 Millionen Deutsche fällen.
Dafür habe ich in diesem Land zu viel Gutes erlebt. |
Sie waren einer der ersten Pop-Musiker, der Aids thematisierte. Ihre aktuelle Single
"Something To Live For" steht wieder in dieser Tradition. Wie hat sich in den
vergangenen Jahren der öffentliche Umgang mit der Krankheit verändert?
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Für mich ist Aids
Teil meines Lebens - die Furcht vor einer Infektion, sehen zu müssen, wie Freunde an
dieser Krankheit sterben, aber auch die Hoffnung, die man sich einfach erhalten muss. Also
war und ist Aids auch Teil meiner Arbeit, die sich in dieser Hinsicht genau wie die
öffentliche Meinung verändert hat: Die anfängliche Angst weicht der leisen Hoffnung.
Das ist für mich die grundsätzliche Entwicklung, dieser Trend macht mich froh und dafür
steht auch ein Song wie "Something To Live For". Andererseits sind die
Infektionsraten in vielen afrikanischen Ländern derartig hoch, dass nicht nur meine
Zuversicht immer wieder arg gedämpft wird. Hoffnung bleibt aber dennoch. |
Etliche Ihrer Songs transportieren - trotz der fröhlichen Party-Musik - ernste, oft
politische Themen. Ist dieser Widerspruch zwischen Inhalt und Verpackung programmatisch?
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Ja, bei den meisten
Songs ist genau das Absicht. Weil ich eher selten über vergleichsweise belanglose Dinge
singe, will ich doch nicht auf Spaß verzichten. Melancholische Musik würde ich dann
machen, wenn ich bestimmte Probleme für unlösbar hielte, ihnen aber trotzdem einen Song
widmen will. |
Glauben Sie etwa, mit Ihrer Musik Probleme lösen zu können? |
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In bestimmten
Bereichen klappt das zumindest indirekt, wenn die Medien durch einen provozierenden Song
auf ein Thema angesetzt werden und es ins öffentliche Bewusstsein bringen. Aber wenn ich
länger darüber nachdenke, muss ich meinen Optimismus bremsen. Die Wahrscheinlichkeit,
dass die Medien wirkliche Probleme aufgreifen, sinkt stetig. |
Woran liegt das? |
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Die Ernsthaftigkeit
bleibt auf der Strecke, wird vom Schwachsinn überrollt: Auf Seite eins meiner Zeitung
steht in Riesen-Lettern, dass ein Super-Model unglücklich über ihre Tittengröße ist,
klein gedruckt wird dagegen, dass der potenzielle neue russische Präsident den Einsatz
von Atomwaffen prinzipiell für legitim hält. Da weiß ich nicht, wovor ich mehr Angst
haben soll: Vor dem russischen Präsidenten oder den Medien. |
Wo bleibt da Ihre so oft erwähnte Hoffnung? |
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Die lasse ich mir
nicht nehmen. Wenn ich vor etwas Angst habe, hoffe ich erst recht, dass es einen Ausweg
gibt. Sonst könnte ich mir doch gleich einen Strick nehmen.
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